Der Wandel im deutschen Finanzsystem – Chance für die Mittelstandsfinanzierung
Das deutsche Finanzsystem und als wichtiger Teil davon auch die Mittelstandsfinanzierung unterliegen seit Beginn des 21. Jahrhunderts einem tiefgreifenden Strukturwandel. Dabei wirken mehrere Entwicklungstendenzen gleichzeitig: Der Wandlungsprozess hat in jüngerer Zeit an Fahrt aufgenommen. Die Entwicklung führt in der Tendenz zu einem Bedeutungsgewinn von Märkten und marktmäßigen Bewertungen.
Traditionelle Finanzierungsinstrumente, wie sie in Deutschland mit der Kredit- und Lieferantenfinanzierung für den Mittelstand bisher prägend waren, haben sich aufgrund der gestiegenen Risikoanforderungen internationaler Kapitalmärkte und der stärkeren Betonung des individuellen Risikoprofils der Banken erheblich weiterentwickelt. In der Praxis lassen sich zwar zögerlich, aber mit zunehmender Beschleunigung kapitalmarktbestimmte Finanzierungsangebote und neue Finanzmarktinstitutionen für den breiten Mittelstand beobachten. Größenbedingte Restriktionen als Begründung für die starke Ausrichtung der mittelständischen Finanzierung auf Bankkredite verlieren mit sinkenden Losgrößen für Kapitalmarktprodukte an Gewicht.
Obwohl es Belege für eine größere Bedeutung von direkten Marktbeziehungen zwischen Unternehmen und Kapitalgebern – wie Haushalte und institutionelle Vermögensverwalter - gibt, werden Intermediäre wie Banken, Versicherungen und Private-Equity-Fonds – die fremde Mittel nutzen, um ihrerseits Forderungen gegenüber Dritten zu erwerben – nicht an Bedeutung verlieren. Dies wird häufig mit dem irreführenden Begriff der Disintermediation suggeriert. Ein effektiver Weg zum Markt verlangt aber auch weiterhin eine beziehungsbasierte Intermediation, und Banken werden ihr wichtigstes Informationskapital, nämlich Kundenkenntnis und -bindung im Interesse ihrer Kunden weiterhin nutzen.
Der Strukturwandel im deutschen Finanzsystem wird den Finanzsektor nicht daran hindern, weiterhin Partner des Mittelstands zu bleiben. Auch zukünftig bleiben langfristige Vertragsbeziehungen die Grundlage des beziehungsbasierten Bankgeschäftes. Die Banken betätigen sich eben nur verstärkt als Finanzierungsbrücke zwischen Mittelstand und Kapitalmarkt, indem sie beispielsweise mittels der ABS-Techniken den internationalen Kapitalmarkt für den deutschen Mittelstand nutzen. Neue marktbasierte Finanzierungsinstrumente und die klassischen Wege der Fremdfinanzierung ergänzen sich so eher, als dass sie sich im Wege stehen.
Zwischen der beziehungs-/hausbankenbasierten und der marktbasierten/“anonymen“ Finanzierung besteht in der Praxis des Mittelstandsgeschäfts längst kein Gegensatz mehr. Im Gegenteil: Ein diversifizierter Finanzierungsansatz verknüpft sich in der Strategie vieler Mittelständler aufs engste mit der jeweiligen mittelständischen Gesellschafterstruktur und mit den gleichsam diversifizierten Produktportfolien und Märkten des Mittelstands. Die Banken entfernen sich auch im Mittelstandsgeschäft zunehmend vom reinen produktorientierten Ansatz hin zur lösungsorientierten Ansprache des Kunden mittels eines Relationship-Ansatzes. Nur mit der Synthese der Finanzierungsformen nach dem Motto „Gemeinsam geht mehr!“ lassen sich die typischen mittelständischen Bedarfslagen lösen – vom Mangel an Eigenkapital über die Regelung der Nachfolge und Diversifizierung des Fremdkapitals bis hin zum Risikomanagement und den Anforderungen der Globalisierung. In dieser Untersuchung wird gezeigt, dass nicht nur klassische Finanzintermediäre wie Banken und Versicherungen, sondern auch die neuen Typen von Finanzintermediären wie Private-Equity-Gesellschaften einen Mittelweg zwischen den Stereotypen Kapitalmarkt- und Bankenorientierung beschreiten.
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