Finanzplatz Deutschland
Ende der neunziger Jahre war die Hochzeit der Optimisten. Am Finanzplatz Deutschland herrschte Euphorie. Die Hausse an den Aktienmärkten, der Aufstieg des „Neuen Markts“, die Platzierung der „Volksaktie“ Telekom, die Einführung des elektronischen Handelssystems Xetra und last but not least die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt verleiteten zu den schönsten Blütenträumen von der Rolle Frankfurts im zusammenwachsenden Europa. Der Einbruch der Aktienmärkte hat dieser Aufbruchstimmung allerdings ein jähes Ende bereitet.
Vor zwei Jahren schlug dann die Stunde der Kassandras: Die deutschen Banken befänden sich auf dem Weg in japanische Verhältnisse und die communityam führenden Finanzplatz Frankfurt sei in Auflösung begriffen. Im Gegensatz zur antiken Kassandra fanden diese Rufer durchaus Gehör, ihre Vorhersagen erwiesen sich aber – glücklicherweise – als falsch.
Die deutschen Banken haben ihre Schwierigkeiten aus eigener Kraft gemeistert.Die notwendigen Einschnitte waren ohne Frage schmerzhaft. Auch ist – mit Blick auf die internationale Konkurrenz – der Prozess der Steigerung der Ertragskraft noch nicht abgeschlossen. Aber mit japanischen Verhältnissen hat die Entwicklung in Deutschland kaum etwas gemein: Weder kam es zu spektakulären Bankzusammenbrüchen und Bilanzskandalen noch musste der Staat mit milliardenschweren Finanzspritzen eingreifen. Während Japan eine lange Dekade am Abgrund einer Finanzkrise wandelte, erwies sich das deutsche Finanzsystem, auch in den „Krisenjahren“ 2002 und 2003, als stabil.
Auch bei den Akteuren am Finanzplatz hat die bewusste Provokation mit Schreckensszenarien offenbar neuen Elan geweckt. Seit ziemlich genau einem Jahr ist die „Initiative Finanzstandort Deutschland“ (IFD) erfolgreich dabei, ihr Aktionsprogramm zur Stärkung des Finanzplatzes umzusetzen.Dabei zeichnen die IFD zwei Besonderheiten aus, die sie von üblichen Lobbygruppen unterscheidet. Zum einen sitzen die policy maker,das Bundesfinanzministerium, mit am Tisch; zum anderen haben sich die Initiatoren, führende Banken und Versicherungsunternehmen, zur Implementierung der Maßnahmen und Produkte selbst verpflichtet. Die IFD fordert nicht nur, sondern ist auch in der Lage, Impulse eigenständig umzusetzen.
Den realen Stresstest der letzten Jahre haben der deutsche Finanzplatz und seine Akteure gemeistert. Selbstzufriedenheit über diese Leistung wäre heute allerdings ebenso fehl am Platze wie die Stimmungsextreme der Vergangenheit. Nach der emotionalen Achterbahnfahrt der vergangenen Jahre ist vielmehr Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme. Auch nach Erledigung der dringendsten Hausarbeiten bleiben die Herausforderungen für den Finanzplatz Deutschland groß.Denn die Koordinaten der europäischen Finanzwelt verändern sich rapide.
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