Economic Research & Corporate Development
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Die Veröffentlichung von Renditeprognosen gehört heutzutage zum Standard jeder größeren Bank oder anderer Finanzunternehmen. Wie treffsicher sind die Renditeprognosen von Konsensusumfragen im Schnitt der letzten 15 Jahre? Dies soll anhand der deutschen (europäischen) Benchmarkrendite mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren untersucht werden.

23.09.2005
Zinsen sind - neben Wechselkursen und Aktienkursen - unter den ökonomischen Variablen sicher mit am schwierigsten zu prognostizieren. Trotzdem oder vielleicht sogar deshalb sind Renditeprognosen bei vielen Anlegern und professionellen Vermögensverwaltern sehr gefragt.
Eine besonderen Bedeutung kommt hierbei den sogenannten Konsensus-Umfragen zu. Man geht davon aus, dass der Durchschnitt vieler Expertenmeinungen die künftige Marktentwicklung im allgemeinen verlässlicher wiedergibt als eine einzelne Expertenprognose. Aufgrund der Durchschnittsbildung - so die Annahme - werden Fehlprognosen, sowohl Über- als auch Unterschätzungen der künftigen Marktentwicklung, weitgehend eliminiert. Die Durchschnittsbildung - auch häufig als Marktmeinung bezeichnet - führe zu einer besseren Prognosegüte.
Die Ergebnisse unserer Analyse zeigen:
  • Die ungenügende Prognosequalität der Consensusumfrage ist nicht durch den konjunkturell beeinflussten Teil der Verhaltensfunktion - die Einschätzung der Zentralbankpolitik anhand der erwarteten Entwicklung des 3-Monatsgeldes - bedingt. Im Gegenteil: Die Trefferwahrscheinlichkeit der Consensusumfrage hierfür liegt deutlich über dem Zufall.
  • Ein Faktor für die mangelhafte Performance der Consensus-Prognose ist ein autonomer Prognoseaufschlag, der als eine Unterschätzung des Disinflationsprozesses im Beobachtungszeitraum interpretiert werden kann.
  • Durch die starke Orientierung der Umfrageteilnehmer am aktuellen Renditeniveau erhalten Marktüber- und Marktuntertreibungen einen zu starken Einfluss auf die Prognose und verringern das Gewicht der ökonomischen Aspekte. Eine Abschwächung der Orientierung am aktuellen Renditeniveau verbessert daher Prognosequalität der Consensusumfrage. Hier profitiert die Prognose auf 3-Monatssicht mehr als die Prognose auf 12-Monatsicht.
  • Das Prognoseverhalten der Consensusteilnehmer kann durch die geschätzten Verhaltensgleichungen gut dargestellt werden und ist im Zeitablauf stabil. Die Gleichungen dürften daher die wichtigsten Verhaltensweisen, die für die Prognoseerstellung bedeutsam sind, erfassen.
Ein Mittel, die Orientierung der Renditeprognosen an der zeitnahen und teilweise zufälligen Einflüssen ausgesetzten Renditeentwicklung zumindest abzuschwächen und die ökonomischen Aspekte zu stärken, sind empirisch gestützte (ökonometrische) Kapitalmarktmodelle. Diese erklären die Renditeentwicklung mit Hilfe fundamentaler Einflussfaktoren - wie u.a. Inflation und Konjunktur -, und in deren Abhängigkeit die Zentralbankpolitik. Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass diese Input-Faktoren für die ökonometrischen Renditemodelle von den Umfrageteilnehmern überwiegend richtig eingeschätzt werden. Auch Renditeschwankungen am aktuellen Rand beeinflussen derartige Modellprognosen nicht unmittelbar, was die Prognosequalität verbessern dürfte. Die Umfrageteilnehmer müssen jedoch bereit sein, sich stärker von der naiven Prognose zu lösen.
Allerdings gibt die Verwendung von ökonometrischen Modellen noch keine Garantie dafür, von systematischen Verzerrungen bei der Prognose gefeit zu sein. So haben ökonometrische Modelle im Beobachtungszeitraum gleichfalls das "normale" Renditeniveau überschätzt. Hierzu tragen Fehlspezifikationen bei der Modellformulierung (es werden nicht alle oder falsche Einflussparameter verwendet) bei. Zudem können derartige Modelle zukünftige Verhaltensänderungen der Marktteilnehmer, die z.B. durch außergewöhnliche Ereignisse oder sich ändernde Rahmenbedingungen ausgelöst werden, nicht vorhersehen. Ob daher die Prognosequalität in Zukunft mit Hilfe einer stärkeren Orientierung an ökonometrischen Kapitalmarktmodellen entscheidend verbessert werden kann, bleibt abzuwarten.
Unter der Voraussetzung, dass die Modellstruktur die Renditebildung am Bondmarkt weitgehend richtig abbildet, sind gleichwohl die Grundlagen für - im Vergleich zu den bisherigen Consensus-Umfragen - zutreffendere Renditeprognosen gegeben.

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Michael Machauer
Dresdner Bank AG
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